GQ-Kolumnisten
Andreas Laux

„Not am Mann“ – Es war noch nie so schwer, ein Mann zu sein. Was für ein Blödsinn! Und trotzdem wird tagtäglich die große Oper vom Untergang des Mannseins gegeben. Mit dabei in der ersten Reihe: Andreas Laux.

Mein Opa mochte Rätsel. Kreuzworträtsel. Ich sehe ihn noch liegen auf dem kurzen Sofa, dicke Kissen im Rücken, die Beine hängen am anderen Ende über. In der Hand einen Kuli, auf dem Bauch ein Heft. Ich mümmel Hefezopf mit Nutella und gucke Blödsinn im Privatfernsehen. Bei Oma und Opa gab’s Kabel und Schlechtes aus Zucker. Zu Hause nicht.

Mein Opa guckte auch gerne Fernsehen. Noch lieber dachte er um die Ecke in der Hörzu. Wenn er was rausbekommen hatte, drehte er sich immer zu mir, hielt mir das Heft vor die Nase, las die verquere Frage noch mal vor und tippte mit dem Finger auf seine Antwort. Ich verstand gar nichts, nicht die Frage, nicht die Antwort. Schnell wieder Knight Rider.

Jetzt ist mein Opa tot. Er hatte keine dieser elenden Krankheiten, die Menschen am Ende in so ein groteskes Körperding verwandeln, das nichts mehr anfangen kann mit dem Leben. Dem man Erlösung wünscht.

Doch meinen Opa gab es schon lange nicht mehr. Nicht den Opa, der irgendwie unnahbar blieb, der aber, wenn wir beide zum Schwimmen fuhren, als erstes die Schlagerkassette ins Autoradio drückte und verträumt Roland Kaiser mitsang. Nicht den kraftmeiernden Opa, der darauf bestand, mit Mitte siebzig ein Sofa in meine erste Wohnung zu wuchten. Nicht den Opa, der weiß, wer ich bin, wenn ich ihn besuche.

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Als ich jetzt über die Autobahn fahre, auf dem Weg zu seiner Beerdigung, bin ich traurig, aber nicht bedrückt. Ich kann mich erinnern, ohne zu hadern. Und mir fällt ein: Das, was ich vom Tod halte, hat viel zu tun mit meinen Großeltern.

Es waren wieder Ferien, ich war wieder in der Eifel. Was genau passiert war, weiß ich nicht mehr, aber an diesem einen Tag wurde mir bewusst, dass das Leben irgendwann zu Ende ist. So wie man irgendwann nicht mehr an den Osterhasen glaubt, hatte ich plötzlich die brachiale Erkenntnis, dass mein erstes Meerschweinchen eben nicht auf einem sehr langen Ausflug war. Ich lag nachts im Bett und heulte wie noch nie. Das weiß ich noch. Ich wollte auf keinen Fall, dass einer aus meiner Nähe jemals dem Beispiel von Meersau Justus folgt. Meine Oma hat mir die Sache dann noch mal erklärt. Dass so ein Tod vielleicht gar nicht das endgültige Ende ist. Dann war auch wieder gut.

Mit meinem Opa bin ich einmal in der Woche auf den Friedhof gegangen, wenn ich zu Besuch war. Mit frischen Grablichtern haben wir jedes Mal die große Runde durch die Ahnengemeinde gemacht. Mein Opa erklärte mir bis ins Kleinste, vor wessen Grab wir gerade standen, während ich mit den Streichhölzern hantieren durfte. “Das ist also dein Großonkel väterlicherseits.” Ob mein Opa den Großonkel vermisste, hat er nie erzählt.

Die Beerdigung ist rum. Alle haben gesagt: “Jetzt ist der Jakob bei seiner Anna.” Eigentlich finde ich solche Sprüche albern. Weil sie nur eine Krücke sind für die Traurigen. Trauer ist die Sache der Lebenden, den Toten ist das doch egal. Aber heute habe ich das auch gesagt.

Jetzt, nach dem allerletzten Besuch, weiß ich, was mir am liebsten in Erinnerung bleibt: Mein Opa war ein Quatschkopf. Alte Witze und dumme Sprüche gehörten zu meiner Kindheit wie David Hasselhoff und Nussnougatcreme. Die Sprüche wurden weniger, die Witze rieselten irgendwohin, aber mit den Augen machte mein Opa immer Faxen.

Ins Grab haben wir ihm zwei Sachen gelegt: seine goldene Uhr und diesen komischen Stift, der in vier Farben schreiben kann. Mit dem hat er seine Rätsel gelöst.

Jetzt reicht’s. Dreimal Nacktscanner. Zweimal Schuhe aus und wieder an. Ungezählte Male meine Reisepläne gerechtfertigt vor Uniformträgern, die mir mit einer Herzlichkeit begegnen, als hätte ich Buletten bestellt in einem veganen Restaurant. Alles ok. Dient ja auch meiner Sicherheit. Aber irgendwann ist Schluss!

Vor mir auf dem Edelstahl-Tisch liegt mein geöffneter Koffer. Die junge Frau von der Homeland Security weidet meine Kulturtasche aus. “This is too big, this is too big …” Shampoo, Duschgel, eine Flasche nach der anderen landet auf dem Tisch. Einreise verweigert.

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Bettina hat noch Plätze frei. Hat sie oft. Ich weiß das, denn dann schreibt sie mir eine E-Mail. Bettina bietet Sportkurse an. Nordic Walking, Wirbelsäulengymnastik, Yoga, so was. Gerade liegt Bettina wieder in meinem Posteingang rum. Sie sucht dringend Leute für einen Pilateskurs nächste Woche. Ich überlege noch.

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Ich gucke Dschungelcamp. Ich habe dieses Jahr eingeschaltet, die neun Jahre zuvor, und wenn ich nicht demnächst den Amischen beitrete, dann werde ich wieder zuschauen, wie Vormalsprominente mit ihrer Peristaltik im Clinch liegen und am Lagerfeuer die Beichte ihres Lebens beichten. Mittlerweile ist Camp gucken ja so akzeptiert wie Königsberger Klopse. Die Kapern sind zwar nicht jedermanns Sache. Aber wem’s schmeckt …

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Es gibt Fragen, die bekommt man lieber nicht gestellt: Haben Sie vielleicht noch eine andere Kreditkarte? Werden Sie Angaben zur Sache machen? Möchtest Du zu dieser Dschungelprüfung antreten? Oder man sitzt in der Sauna. Die Gedanken tröpfeln, der Schweiß rinnt. Plötzlich fragt es hinter einem: “Entschuldigen Sie, hat das wehgetan?”

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Bild-Chef Kai Diekmann ist bei Twitter. Nein, er ist da nicht nur. Er ist mit Sack und Pack eingezogen. Seit er auf Kinderlandverschickung im Silicon Valley war, zauselt’s nicht nur um sein Kinn, es zwitschert auch sein iPhone, als gäbe es morgen kein LTE mehr. Wären Fußballanalogien nicht so ausgelutscht, man würde ihn den 140-Zeichen-Balotelli nennen. Eine Menge Genie balgt sich mit einer Horde Wahnsinn. Live-Tweets vom Tattoo-Stechen? Normal ist das nicht.

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Ich bin ein Gewohnheitstier. Das ist inzwischen aktenkundig. Wie weit es damit gehen kann, erschreckt mich allerdings. Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich vom Hipstersein ungefähr so weit entfernt bin, wie Boris Becker vom einfach mal die Klappe Halten. Und doch zieht es mich immer wieder in dieses eine Café im Englischen Garten.

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Ich muss das schon eine ganze Weile gemacht haben. Vielleicht eine Woche, vielleicht zwei. Genau kann ich es nicht sagen. Eines Morgens sehe ich mich auf dem Fußabtreter vor meiner Wohnung stehen und schaue mir zu, wie ich meine Füße, naja, abtrete. An sich nichts ungewöhnliches. Wenn man nicht gerade, wie ich, die Wohnung verlässt.

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Es gibt eine schöne Tradition in München. Sie heißt - Sommer.

Sommer gibt es viele. Andere Städte haben sich auch einen zugelegt. Aber das sind rein vergebliche Versuche, das Original zu kopieren. Das Oktoberfest feiert sich auch am saftigsten auf der Theresienwiese. Nicht auf dem Alexanderplatz. Wenn allüberall Stadtentwickler Sand verschütten und Strandfeeling kommandieren, da reicht dem Münchner München.

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Margot Käßmann und ich haben viel gemeinsam. Naja, ich habe keine Ahnung, ob das so ist. Aber könnte doch sein. Vielleicht fährt sie auch viel lieber Straßenbahn als Bus. Mag sein, auch sie ist Fan von Arminia Bielefeld. War auch ihr erstes Haustier ein Meerschweinchen? Könnte sein.

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