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GQ-KOLUMNISTEN
Andreas Laux

„Not am Mann“ – Es war noch nie so schwer, ein Mann zu sein. Was für ein Blödsinn! Und trotzdem wird tagtäglich die große Oper vom Untergang des Mannseins gegeben. Mit dabei in der ersten Reihe: Andreas Laux.

Mein Opa mochte Rätsel. Kreuzworträtsel. Ich sehe ihn noch liegen auf dem kurzen Sofa, dicke Kissen im Rücken, die Beine hängen am anderen Ende über. In der Hand einen Kuli, auf dem Bauch ein Heft. Ich mümmel Hefezopf mit Nutella und gucke Blödsinn im Privatfernsehen. Bei Oma und Opa gab’s Kabel und Schlechtes aus Zucker. Zu Hause nicht.

Mein Opa guckte auch gerne Fernsehen. Noch lieber dachte er um die Ecke in der Hörzu. Wenn er was rausbekommen hatte, drehte er sich immer zu mir, hielt mir das Heft vor die Nase, las die verquere Frage noch mal vor und tippte mit dem Finger auf seine Antwort. Ich verstand gar nichts, nicht die Frage, nicht die Antwort. Schnell wieder Knight Rider.

Jetzt ist mein Opa tot. Er hatte keine dieser elenden Krankheiten, die Menschen am Ende in so ein groteskes Körperding verwandeln, das nichts mehr anfangen kann mit dem Leben. Dem man Erlösung wünscht.

Doch meinen Opa gab es schon lange nicht mehr. Nicht den Opa, der irgendwie unnahbar blieb, der aber, wenn wir beide zum Schwimmen fuhren, als erstes die Schlagerkassette ins Autoradio drückte und verträumt Roland Kaiser mitsang. Nicht den kraftmeiernden Opa, der darauf bestand, mit Mitte siebzig ein Sofa in meine erste Wohnung zu wuchten. Nicht den Opa, der weiß, wer ich bin, wenn ich ihn besuche.

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Als ich jetzt über die Autobahn fahre, auf dem Weg zu seiner Beerdigung, bin ich traurig, aber nicht bedrückt. Ich kann mich erinnern, ohne zu hadern. Und mir fällt ein: Das, was ich vom Tod halte, hat viel zu tun mit meinen Großeltern.

Es waren wieder Ferien, ich war wieder in der Eifel. Was genau passiert war, weiß ich nicht mehr, aber an diesem einen Tag wurde mir bewusst, dass das Leben irgendwann zu Ende ist. So wie man irgendwann nicht mehr an den Osterhasen glaubt, hatte ich plötzlich die brachiale Erkenntnis, dass mein erstes Meerschweinchen eben nicht auf einem sehr langen Ausflug war. Ich lag nachts im Bett und heulte wie noch nie. Das weiß ich noch. Ich wollte auf keinen Fall, dass einer aus meiner Nähe jemals dem Beispiel von Meersau Justus folgt. Meine Oma hat mir die Sache dann noch mal erklärt. Dass so ein Tod vielleicht gar nicht das endgültige Ende ist. Dann war auch wieder gut.

Mit meinem Opa bin ich einmal in der Woche auf den Friedhof gegangen, wenn ich zu Besuch war. Mit frischen Grablichtern haben wir jedes Mal die große Runde durch die Ahnengemeinde gemacht. Mein Opa erklärte mir bis ins Kleinste, vor wessen Grab wir gerade standen, während ich mit den Streichhölzern hantieren durfte. “Das ist also dein Großonkel väterlicherseits.” Ob mein Opa den Großonkel vermisste, hat er nie erzählt.

Die Beerdigung ist rum. Alle haben gesagt: “Jetzt ist der Jakob bei seiner Anna.” Eigentlich finde ich solche Sprüche albern. Weil sie nur eine Krücke sind für die Traurigen. Trauer ist die Sache der Lebenden, den Toten ist das doch egal. Aber heute habe ich das auch gesagt.

Jetzt, nach dem allerletzten Besuch, weiß ich, was mir am liebsten in Erinnerung bleibt: Mein Opa war ein Quatschkopf. Alte Witze und dumme Sprüche gehörten zu meiner Kindheit wie David Hasselhoff und Nussnougatcreme. Die Sprüche wurden weniger, die Witze rieselten irgendwohin, aber mit den Augen machte mein Opa immer Faxen.

Ins Grab haben wir ihm zwei Sachen gelegt: seine goldene Uhr und diesen komischen Stift, der in vier Farben schreiben kann. Mit dem hat er seine Rätsel gelöst.

Jetzt reicht’s. Dreimal Nacktscanner. Zweimal Schuhe aus und wieder an. Ungezählte Male meine Reisepläne gerechtfertigt vor Uniformträgern, die mir mit einer Herzlichkeit begegnen, als hätte ich Buletten bestellt in einem veganen Restaurant. Alles ok. Dient ja auch meiner Sicherheit. Aber irgendwann ist Schluss!

Vor mir auf dem Edelstahl-Tisch liegt mein geöffneter Koffer. Die junge Frau von der Homeland Security weidet meine Kulturtasche aus. “This is too big, this is too big …” Shampoo, Duschgel, eine Flasche nach der anderen landet auf dem Tisch. Einreise verweigert.

Bis jetzt habe ich alle Sperenzien untertänigst ertragen. Bei aller Freiheitsliebe bin ich tief drin wohl doch der Typ Hacken zusammenschlagen, Hand an die Hosennaht. Oder ich stehe einfach zu wenig auf Elektroschocks. Warum auch immer: Den irren Sicherheitswahn, die stoischen Kommandos, den Dauerverdacht, man könnte Anthrax, Tierdung oder eine deutsche Möhre im Gepäck haben, fand ich noch zum Schmunzeln. Aber das hier, jetzt, in diesem Augenblick ist so wahnsinnig. Da wäre nicht mal Kafka drauf gekommen.

Ich will nur das Gebäude verlassen, eben durch die Tür gehen, 20 Schritte noch. Die NSA hat gesagt, ich darf das. Ich bin gelandet, ein freundlicher Herr hat meine Fingerabdrücke gescannt und dann einen bunten Stempel in meinen Reisepass gedrückt. Ich hab das also schriftlich! Aber die Frau mit dem Shampoo-Tick macht jetzt Generalinventur mit meinen Utensilien für die Morgentoilette, anstatt mich rauszulassen. Ohne Koffer könnte ich längst weg sein. Aber ich hätte meinen Koffer nun mal gerne dabei. Prinzessin, ich.

“Entschuldigen Sie, Ma’am. Nur dass ich das richtig verstehe: Meine Shampoo-Flasche ist zu groß für Ihr Land?” Ich muss lachen, geht nicht anders. Im Kopf sehe ich mich schon elektrogeschockt auf dem Flughafenboden zappeln ob meines ungebührlichen Verhaltens. Gottlob ist die Frau in der bunten Uniform nicht nur humorlos, sondern auch ironiefrei: “Yes, Sir.” Bei uns zu Hause sagen Türsteher: “Nicht mit den Schuhen.” Hier sagen sie: “Nicht mit dem Shampoo.”

Vier Stunden nach der Landung sitze ich schließlich im Raucherbereich vor dem Hartsfield-Jackson International Airport in Atlanta. Ohne Koffer. Den werde ich erst an meinem eigentlichen Reiseziel wiedersehen. Hier bin ich nur gestrandet, hier will ich gar nicht sein. Aber mein Anschlussflug flog ohne mich.

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Immerhin habe ich jetzt Zeit. Zeit, mir Gedanken zu machen: Darüber, wie es Tourette-Patienten schaffen, in die USA einzureisen. Darüber, ob es ein Zufall sein kann, dass die Zombieserie “The Walking Dead”, mit der ich mir eben auf dem Flug die Augen viereckig geglotzt habe, in der Gegend um Atlanta spielt. Der Stadt, in der ich selbst so viele Untote kennenlernen durfte. Und ich kann darüber sinnieren, wie sehr ich Fliegen im Grunde schon immer verachtet habe.

Mir flattert das linke Augenlid, wenn ich nur daran denke, an die “ersten Flieger” die von einer deutschen Stadt in die nächste hüpfen, vollgestopft mit Unternehmensberatern in schlechtsitzenden Anzügen. Oder das Gegenstück zum Roland-Berger-Bomber: das “Malle ist nur einmal Jahr”-Shuttle. Wer da nicht nach der Landung klatscht, ist entweder schon zu besoffen oder hätte die Thrombose-Warnung seines Hausarztes besser nicht in den Wind geschlagen.

Das Widersinnigste am Fliegen ist und bleibt aber die Zeit, die man aufwenden muss, um dieses schnellste aller Fortbewegungsmittel in Anspruch zu nehmen: die Fahrt zum Flughafen in der Pampa, das eine Stunde vorher Dasein, die Schlange am Check-in, die Schlange am Sicherheitscheck, das Warten aufs Boarding, das Alle-springen-aus-ihren-Sitzen-sobald-das-Anschnallzeichen-erschlicht-dabei-dauert-es-noch-ewig-bis-sich-die-Tür-öffnet. Mehr Schlange stehen gibt’s nur in den letzten Heimstätten des Kommunismus.

Das alles – und noch viel mehr – hat meinen Zombie-Flug am Ende auf 36 Stunden aufgeblasen. Nicht viel länger dauert es übrigens, jemanden auf den Mond zu schießen. Aber Astronauten-Shampoos werden wahrscheinlich in kleineren Größen abgefüllt.

Bettina hat noch Plätze frei. Hat sie oft. Ich weiß das, denn dann schreibt sie mir eine E-Mail. Bettina bietet Sportkurse an. Nordic Walking, Wirbelsäulengymnastik, Yoga, so was. Gerade liegt Bettina wieder in meinem Posteingang rum. Sie sucht dringend Leute für einen Pilateskurs nächste Woche. Ich überlege noch.

Ich stehe seit fünf Jahren in Bettinas Kundenkartei. Ich hab ja Rücken, einen langen nämlich. Und untendran steht auch noch was schief, sagt mein Arzt. Nix tragisches, gar nicht. Aber damit es so bleibt, muss ich was tun. Nicht “Ich muss dringend mal wieder was tun”, sondern echt jetzt. Jeden Sommer laufe ich, jeden Winter nehme ich mir vor, auch im Winter zu laufen. Klappt aber eher nicht so gut. Dachte ich also, probierst du mal was neues aus zwischen Oktober und März. Sport mit Anschluss und Gruppendruck.

Zuerst hatte ich überlegt, bei einer dieser Bootcamp-Chaingangs anzuheuern, die morgens um fünf Schlamm fressen gehen im Park. Die brüllen sich gegenseitig über zwei Meter hohe Wände und spielen Völkerball mit leeren Bierfässern. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Schlamm. Aber wenn ich tatsächlich scharf drauf wäre, geschlechtsüberreifen Jungs mehrmals die Woche dabei zuzusehen, wie sie ihr Hirn auf Sparflamme runterblöken, dann würde ich professionell Junggesellenabschiede organisieren.

Nein, ganz, ganz anders sollte mein neues Sportlerlebnis sein. Ich wollte dahin gehen, wo noch nie zuvor ein Mann war. Ich fand diesen Ort. Die Turnhalle eines AWO-Altenzentrums, irgendwo im Münchner Norden. Hier macht Bettina ihre Kurse.

Bettina und ich haben uns im Internet kennengelernt. Also vielmehr ich sie, weil ich sie ergoogelt habe: “Rücken Kurs München”. Rückenpilates klang annehmbar für mich. Selbst wenn ich das “Powerhouse”, um das sich alles dreht beim Pilates, etwas dämlich benamst finde. Das ganze erschien mir immer noch ungeschminkter als all das Yogazeugs, das ja auch ganz toll sein soll für den Rücken und die Ausgeglichenheit und einfach alles. Bettinas Kurse sind geeignet für Menschen jeden Alters und jeden Geschlechts. Besucht werden Bettinas Kurse von Frauen mittleren Alters. Und von mir.

Als ich da saß zum ersten Mal in der kleinen Souterrain-Turnhalle, unter mir die Gummimatte, neben mir ein Gummiband, um mich herum ein Dutzend Damen, die in der Vorstellungsrunde allesamt gesagt hatten, sie müssten dringend mal wieder was tun, da konnte ich mich gar nicht wehren und der innere sexistische Kackscheißtyp flüstert ganz, ganz leise: “Ach Mädels, Euch zeig ich doch mal, wo das Powerhouse sitzt.” Tja.

Während ich seitlings versuche, ein Bein und meinen Hintern in der Luft und den Rücken gerade zu halten, merke ich, dass ich mich gleich mal auf die falsche Seite gedreht habe. Also schaue ich direkt ins Gesicht von Rita. Rita muss so ungefähr sechzig sein und sie hat offensichtlich die Atombunkerversion eines Powerhouses. Mich schüttelt gerade der dritte Krampf im Bauch. Sie lächelt. Die Macker-Miene, die eigentlich ich mir ausgesucht hatte, hat sich Rita geschnappt.

Der sexistische Kackscheißtyp, die feige Sau, hat längst einen Abgang gemacht. Nicht, dass dieser Wicht bisher eine große Rolle gespielt hätte in meinem Leben. Sonst säße ich jetzt nicht hier, sondern würde leere Bierfässer durch den Englischen Garten werfen. Aber ein bisschen anders hatte ich mir das schon vorgestellt. Einen Hauch körperliche Überlegenheit spüren, nur für einen kleinen Moment, Hand aufs Herz, das haben auch moderne Memmen ganz gerne.

Nach einer Dreiviertelstunde habe ich die Hölle durchschritten. Bauch, Beine, Po, in allen Disziplinen haben mich Rita und die anderen aussehen lassen wie einen gestrandeten Wal ohne Flossen. Vielleicht kann ich wenigstens beim Dehnen noch ein bisschen Ergebniskosmetik betreiben, denke ich mir. Und tatsächlich, Dehnen kann ich. Es ist wie diese Szene aus Full Metal Jacket: Private Paula, der dicke, dauergrinsende Rekrut, der während der ganzen Grundausbildung nichts auf die Reihe gekriegt hat und deshalb übel Prügel von seinen Kameraden bezog, ballert sich auf dem Schießstand ins Herz seines Drill Sergeants. Der brüllt: “Wie’s scheint haben wir doch noch was gefunden, das Sie können!”

Drill Instructor Bettina dreht eine letzte Runde durch die Pilates-Gruppe, um zu kontrollieren, ob wir auch alle das richtige dehnen. Bei mir bleibt sie stehen, als ich gerade meinen rechten Fuß in Richtung Nacken zerre. “Du bist aber ganz schön gelenkig, Andreas.” Ich grinse dämlich, wie noch nie ein Private Paula dämlich gegrinst hat. Aber Bettina war noch nicht fertig: “Für einen Mann, meine ich.”

Ich gucke Dschungelcamp. Ich habe dieses Jahr eingeschaltet, die neun Jahre zuvor, und wenn ich nicht demnächst den Amischen beitrete, dann werde ich wieder zuschauen, wie Vormalsprominente mit ihrer Peristaltik im Clinch liegen und am Lagerfeuer die Beichte ihres Lebens beichten. Mittlerweile ist Camp gucken ja so akzeptiert wie Königsberger Klopse. Die Kapern sind zwar nicht jedermanns Sache. Aber wem’s schmeckt …

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Eingeschaltet hatten von Anfang an Fantastillionen von Emospannern, wie ich einer bin. Das allein war nie Grund genug, als Hobby im Lebenslauf hinter “Lesen” und “Pferde” auch noch “Dschungelcamp gucken” einzutragen. Erst seit eine Gruppe von Leuten mit edlen Federn (nennen wir sie einfach: das Feuilleton) einschlägige Lobeshymnen verfasst hat, darf man auf dem gesellschaftlichen Parkett getrost Niveau-Limbo tanzen und Sprüche von Winfried Glatzeder rezitieren. Das klingt in manchen Fällen zum Daniederknien schön, ist aber im Grunde wieder ein jämmerlicher Fall von urdeutscher Buckeligkeit. Dem Pöbel musste erst Dispens erteilt werden für sein anspruchsloses Tun.

Es begab sich im Jahre 1996. Jan, Stefan und ich hatten gerade Abitur gemacht und wollten nach all den Anstrengungen, die so ein Schulabschluss eigentlich hätte mit sich bringen müssen, tüchtig die Sau rauslassen. Ab nach Mallorca. Nix “Mallorca hat auch schöne Ecken”. Ballermann! Aufstehen nachmittags um fünf, zum Frühstück ein Jägerschnitzel im “Alt Frankfurt”, danach ein, zwei Biere, Nickerchen bis zehn, anschließend Halligalli und Remmidemmi. Und das Ganze wieder von vorn. Die Reise war eindeutig das Dschungelcamp unter den Urlauben.

Mein Vater hatte sich, sobald hochschulreif, in einem rostigen Auto zu den Stätten der griechischen Antike aufgemacht. Das Verlangen nach einer ähnlich anspruchsvollen Tour hatte sich meine Mutter wohl auch für mich gewünscht. Dass daraus nichts geworden war, wurde ihr endgültig bewusst, als sie zufällig in ein RTL-Magazin schaltete, während ich noch auf Mallorca weilte. Sie musste ihrem Sohn dabei zuschauen, wie er vor laufender Kamera mit Harry Wijnvoord eine Polonaise durchs “Oberbayern” lief.

Ich erinnere mich noch, wie viel rhetorische Mühe ich damals und jedes Mal wieder, wenn ich von dem Mallorca-Trip erzählte, darauf verwandte, alle anderen und mich selbst davon zu überzeugen, dass das schon irgendwie okay war, auf das Dumbo-Eiland zu fliegen. Nichts war besser, als einen Stirnrunzler zu verwandeln in ein: “Ach so! Dann ist das natürlich völlig in Ordnung, dass ihr drei Jungs in Kolonialherren-Manier über die Balearen marodiert seid.” Nichts war schlimmer, wenn mich jemand wegen der beiden raderdollen Wochen für einen tumben Ballermann hielt.

Käme ich heute noch mal auf die Idee, mich zwei Wochen lang auf Mallorca wegzuballern, ich würd’s machen, aber niemandem erklären. Wo soll das denn noch hinführen, das ganze Rechtfertigen?

Ich stehe auf Rap von Haftbefehl, aber ich gehe sonntags in die Kirche. Ich habe Kriegsdienst verweigert, aber befürworte Auslandseinsätze. Freunde nennen mich einen “konservativen Sack”, aber ich entscheide mich bei fast jeder Wahl für eine andere Partei. Wie soll ich daraus ein schlüssiges Gesamtbild zusammenzimmern, das auch noch jedem gefällt? Das ist mir zu anstrengend.

Die Moderationen von Sonja Zietlow und Daniel Hartwig sind ganz hintersinnig. Die Stars wissen, worauf sie sich einlassen. “Ich bin ein Star, holt mich hier raus” ist wohltuende Erholung von einer Medienwelt, die so sehr gephotoshoped und so stark geschminkt ist. Morgen lese ich wieder ein Buch, versprochen. Ich weiß sogar, in welchem Jahr der Dreißigjährige Krieg begann. Soll ich sagen? Jetzt musst Du mir doch einfach verzeihen, dass ich ein Dschungelcamp-Zuschauern bin! Quatsch.

Ich gucke Dschungelcamp. Komm damit klar.

Konrad Adenauer war nicht nur Bundeskanzler sondern auch Erfinder. Er erfand klamaukige Utensilien wie ein beleuchtetes Stopfei und klamaukige Sprüche wie diesen: “Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind. Andere gibt’s nicht.” Sich selbst zu nehmen, wie man ist, ist ein guter Anfang.

Es gibt Fragen, die bekommt man lieber nicht gestellt: Haben Sie vielleicht noch eine andere Kreditkarte? Werden Sie Angaben zur Sache machen? Möchtest Du zu dieser Dschungelprüfung antreten? Oder man sitzt in der Sauna. Die Gedanken tröpfeln, der Schweiß rinnt. Plötzlich fragt es hinter einem: “Entschuldigen Sie, hat das wehgetan?”

Smalltalk ist eine hohe Kunst. Aber ich bin kein Künstler. Mehr ein Handwerker. Wenn’s drauf ankommt, schnitze auch ich Belangloses aus einer peinlichen Stille. Ich raspel Süßholz, wenn es der Sache dient. Oft tut es ja schon ein Nicken, ein Aha, ein Oho, und das Gegenüber plätschert fröhlich weiter. Das Wetter schlecht. Die Hüfte hin. Der Job: Ach, hör’n Sie auf!

Mein Problem: Ich bin ganz gerne alleine. Ich muss nicht sechs Monate im Jahr in einer bemoosten Hütte auf bretonischer Klippe einsiedeln. Aber jeden Tag etwas gedanklichen Auslauf ohne mitmenschliche Hürden, den brauche ich schon.

Wenn ich morgens in den Frühstücksraum eines Hotels komme und meine Gruppe hat keinen Platz mehr am Tisch: nicht schlimm. Setze ich mich eben woanders hin. “Andreas, dann komme ich mit Dir an den anderen Tisch.” Nee, lass mal. Möchte ich dann sagen, sage ich aber nicht. Verbietet nämlich das Protokoll. Und wer sich daran nicht hält, der bleibt nicht allein, sondern wird einsam. Ganz ohne mit Menschen geht es nun mal nicht.

An einem seligen Ort, da gehen Eigenbrötler und gesellschaftliche Konvention Hand in Hand: in der öffentlichen Sauna. An den Wänden mag stehen: Keinen Schweiß aufs Holz! Doch die oberste Regel in der textilfreien Zone lautet eigentlich: Wer quatscht, fliegt raus! Erst recht auf einer friesischen Insel. Im Januar. Wenn hier so viel Betrieb herrscht wie auf dem Flughafen Berlin-Brandenburg zur letzten Hochsaison.

Dachte ich zumindest.

Ich drehe mich trägtriefend um und sehe in die Golddoublé umrahmten Knopfaugen eines geschätzt Siebzigjährigen. Er lächelt dieses Lächeln, das Erstklässler tragen, wenn es mit der ganzen Klasse zur Feuerwehr geht. Die kleinen Zeigefinger hasten von den Atemschutzmasken zu den Schläuchen, zum, boah, Leiterwagen, und den Feuerwehrkameraden wird ganz schwindelig vom “Was ist das?”-Gequäke. Der Zeigefinger des Siebzigjährigen deutet auf eine Tätowierung in meiner Haut.

“Nein, tat es nicht.” Zu mehr Antwort kann ich mich nicht aufraffen. Immerhin verziehe ich den Mund zu so etwas wie Lächeln. Ein Kopfschütteln, ein Augenrollen, sogar eine Slapstickeinlage wäre angesichts der dämlichen Frage durchaus vertretbar gewesen. Vielleicht Hände auf die Ohren schlagen und schreien: “Die Stimmen! Oh nein, sie sind wieder da!” Aber ich bin nur Gast hier. Fürs Erste bleibt die Kirche im Dorf.

Schnelles Handeln ist jetzt gefragt. Den Schnack ersticken noch in der Aufwärmphase. In einem Café würde ich genau jetzt das Buch hervorkramen, das ich zur Mitmenschabwehr stets bei mir trage, und die Nase tief hineinstecken. Öffentliche Verkehrsmittel bieten Stinkstiefeln wie mir stets einen bequemen Ausweg: “Oh, ich muss leider raus.” Aber in der Sauna? Womit soll ich hier bitte anderweitig Beschäftigtsein schauspielern mit nichts als einem Handtuch als Requisite?

Ich müsste schon einen Herzinfarkt simulieren oder wenigstens eine kleine Ohnmacht, um dem dräuenden Smalltalk zu entkommen. Aber dann ist das Theater gleich noch viel größer. Bademeister. Tatütata. “Bedecken Sie den jungen Mann doch erst mal mit einem Handtuch da unten!” Mit der Nummer verdränge ich am Ende noch den neuen Azubi-Jahrgang der Kreissparkasse als Aufmacher in der Lokalzeitung.

Also starre ich stattdessen wieder nach vorne und bete zum finnischen Saunagott, er möge Stille einkehren lassen. Mein Finnisch ist offensichtlich stark verbesserungswürdig. Zumindest erhört der Saunagott mich nicht. “Ja, so was sieht man ja jetzt immer häufiger. Der Sohn meiner Nachbarin, der hat so ein Ding sogar am Hals. Aber der ist auch ein Nazi.” Das war’s dann wohl. Ring frei. Vorhang auf. Wir müssen reden.

Ich bin überrascht, worüber mancher sich so unterhalten mag mit nackten Fremden. Araber in München. Preiselbeeren. Wimbledon ‘85. Für nichts ist dem Siebzigjährigen die heiße Luft zu schade. Gottlob, er sucht kein echtes Gespräch. Meine Ahas und Ohos, auf die hat er’s abgesehen. Als der Monolog auf die örtlichen Immobilienpreise zusteuert (“Grotesk!”), ist das für mich das Stichwort. Ich verabschiede mich kurz in die Bretagne und kalkuliere, wie viele Banken ich überfallen müsste, um doch noch Klippenhüttenbesitzer zu werden.

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Meine geistige Abwesenheit bleibt nicht unbemerkt: “Geht es Ihnen nicht gut?” Vielleicht hat der Saunagott nur ein Nickerchen gemacht. Egal, jetzt ist er wieder da! Ich stehe auf. Das Saunatuch, das das Holz vor Schweiß, aber mich nicht vor anderen Menschen beschützen konnte, werfe ich über die Schulter. “Ich muss leider raus. Ich glaube, ich werde ohnmächtig.”

Bild-Chef Kai Diekmann ist bei Twitter. Nein, er ist da nicht nur. Er ist mit Sack und Pack eingezogen. Seit er auf Kinderlandverschickung im Silicon Valley war, zauselt’s nicht nur um sein Kinn, es zwitschert auch sein iPhone, als gäbe es morgen kein LTE mehr. Wären Fußballanalogien nicht so ausgelutscht, man würde ihn den 140-Zeichen-Balotelli nennen. Eine Menge Genie balgt sich mit einer Horde Wahnsinn. Live-Tweets vom Tattoo-Stechen? Normal ist das nicht.

Kai Diekmann und ich haben zwei Dinge gemeinsam. Erstens, Wurzeln im Ostwestfälischen. Diese Parallele lässt mich, ohne dass ich irgendeinen Einfluss darauf hätte, über alles hinwegsehen, wofür Diekmann und seine Bild so stehen. Der Nebel im Teutoburger Wald ist nun mal dicker als die knochigen Zeigefinger der Medienjournalisten, die sich jedes Mal entrüstungsautomatisch erheben, wenn Bild wieder Blöd war. Dieses innere Heimatfest funktioniert übrigens nicht mit jedem Bielefelder, mit Ingo Oschmann zum Beispiel. Hans Zippert hingegen braucht selbstverständlich keinen Sparrenburg-Bonus.

Zweitens, und das war mir neu, wir sind beide Liebhaber der wohl größten Errungschaft des postindustriellen Kalendariums: des Brückentages. Es begab sich zu Weihnachten. Da zog es den Diekmann vom heimatlichen Potsdam ins Springer-Hochhaus. Und sein iPhone zwitscherte:

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Über allen Krisen-Gipfeln war Ruh’, selbst in den Wipfeln des Dschungelcamps spürtest Du: “Die Redaktion ist ganz mit sich allein.”

Ausgerechnet im Chef der Bild-Zeitung einen Mitanhänger des beruflichen Einsiedelns gefunden zu haben, hat mich ehrlich überrascht. Sind es doch vor allem die Boulevard-Zeitungen, die in prokrastinierender Regelmäßigkeit dem Arbeitsvolk Tipps liefern, wie es unter Einsatz möglichst vieler Brücken- und möglichst weniger Urlaubstage ein veritables Sabbatjahr zusammenschlawinern kann: “Arbeitsministerin alarmiert! Zwei Tage Urlaub, drei Mal blaumachen: So müssen sie erst 2017 wieder ran!”

Auch ich war dereinst auf der irrlichternden Suche nach einem Urlaubskonto mit Rekordzinsen. Bis mir mein Freund und Kollege Timm die Augen öffnete: “Wer an Brückentagen Urlaub nimmt, hat nichts verstanden!” Lange Flure, leere Gänge. Kein Telefon, das klingelt. Kein Outlook, das pingt. Wo gibt es das heute noch – außer im Finanzamt, freitags nach eins? Eben.

Jeder tiefschürfende Text kommt irgendwann an die Stelle, an der es heißt: “Schon … sagte”. Weil das Leben so kafkaesk, die Arbeitswelt erst recht, soll Kafka die tiefschürfende Galionsfigur spielen: “Ich muss viel allein sein. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins.” Hätte Kafka mit mir auf einem Flur gesessen, sein iPhone hätte gezwitschert:

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Ich bin ein Gewohnheitstier. Das ist inzwischen aktenkundig. Wie weit es damit gehen kann, erschreckt mich allerdings. Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich vom Hipstersein ungefähr so weit entfernt bin, wie Boris Becker vom einfach mal die Klappe Halten. Und doch zieht es mich immer wieder in dieses eine Café im Englischen Garten.

Café ist ein bisschen viel gesagt. Eigentlich handelt es sich um eine ehemalige Bedürfnisanstalt. Die wurde vor ein paar Jahren mit hoffentlich jeder Menge Essigreiniger, italienischen Fliesen, die mundgemalt aussehen, und Guerilla-Strick am Regenrohr in einen wahren Fritz-Kola-Tempel verwandelt. Eine Zufluchtsstätte für all diejenigen, die gerne über die Schönhauser Allee lustwandeln würden, aber leider in München festhängen.

Es gibt Bockwurst, Brownies und Brot mit was drauf. Die Schorlen sind natürlich natürlich, und das Bier ist sowas von bio, dass ich nach dem ersten Schluck dachte, es sei aus den Extrementen des Tieres gebraut, das der Plörre ihren Namen gibt.

Die Belegschaft besteht hauptsächlich aus Studenten der Vergleichenden Literaturwissenschaft beziehungsweise aus den Häkelmützenträgern, die Sie sich in dem Moment vorstellen, wenn Sie von Studenten der Vergleichenden Literaturwissenschaft lesen. Im Imbiss weht deshalb dasselbe Arbeitsethos, mit dem schon manches Studentenwohnheim in die Unbewohnbarkeit selbstverwaltete wurde.

Sinnigerweise hat jemand einen exkulpierenden Aufkleber neben der Kasse angebracht: “Wir sind nicht langsam, ihr seid nur so viele.” Hätte ich mir nur einen Funken studentischen Rebellentums bewahrt, würde ich bei meinem nächsten Besuch einen Sticker daneben kleben: “Welchen Tag haben wir heute? Sommersemester.”

Der Hipster-Hotspot liegt eine perfekte Flaniermeile von meinem Zuhause entfernt. Halbe Stunde hin, Exkrement-Bräu geschlürft, halbe Stunde zurück. Doch es wäre unaufrichtig, ihre perfekte Lage als einzigen Grund auszugeben, warum ich immer wieder in der Bionaden-Schenke einkehre. Ich mag es einfach, meine eigene Philosophie auf die Probe zu stellen. Am meisten Spaß macht alles mit Andersdenkenden.

Das Granteln nach jedem Besuch macht die Sache dann rund. Wie gesagt, ich bin ein Gewohnheitstier.

Ich muss das schon eine ganze Weile gemacht haben. Vielleicht eine Woche, vielleicht zwei. Genau kann ich es nicht sagen. Eines Morgens sehe ich mich auf dem Fußabtreter vor meiner Wohnung stehen und schaue mir zu, wie ich meine Füße, naja, abtrete. An sich nichts ungewöhnliches. Wenn man nicht gerade, wie ich, die Wohnung verlässt.

Ein wenig hat mich das schon erschreckt, als ich also feststelle, dass mein ureigener Irrsinn viel weiter fortgeschritten ist, als ich bis dato angenommen hatte. Aber gut, was Irrsinn angeht, bin ich von mir einiges gewohnt. Da denke ich ja auch noch, dass das eine einmalige Sache war. Wie damals, als ich an einer vollbesetzten Tafel statt “Guten Appetit” allen eine “Gute Nacht” wünschte.

Schon wieder! Die Fußabtreterei vom Vortag ist vergessen, ich bin fokussiert wie immer um diese Uhrzeit (ich bin übel gelaunt und nicht ansprechbar). Und streife wieder meine Sohlen über den Fußabtreter, nachdem ich über die Türschwelle geschlufft bin. Da komme ich mir dann doch vor, wie die Gockel damals aus dem Biologie-Unterricht. Die, die sich nicht entscheiden können, ob sie ihrem Kontrahenten die Augen aushacken oder doch lieber abhauen – und dann erstmal auf dem Boden rumpicken.

Die Sache mit dem Fußabtreter habe ich inzwischen ganz gut im Griff. Aber das ist ja nicht die einzige Schrulle, die ich mit mir rumschleppe: Bei mir muss jede Zigarettenschachtel komplett vom Zellophan befreit werden, bevor die Packung geöffnet wird. Nicht nur der obere Teil. E-Mails enden bei mir immer mit einem Punkt. Bester Gruß. Punkt. Mit freundlichen Grüßen. Punkt. Bis bald. Punkt. Das ist falsch und irritiert liebe Menschen in meiner Umgebung. Aber ich lass das jetzt so.

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Das auch noch: Kennen sie diese Leute, die Geldscheine nur längsgefaltet übergeben? So einer bin ich. Warte ich in dem Café, in dem ich jeden, wirklich jeden Morgen immer zur selben, zur wirklich immer selben Zeit meine Übellaunigkeit mit einem Cappuccino bekämpfe, hole ich einen Geldschein aus dem Portemonnaie und falte ihn der Länge nach. Kommt es zum Bezahlen, reiche ich einen herrlich stabilen Fünfer zwischen Zeige- und Mittelfinger über den Tresen.

Ja, ich weiß, das hört sich so an, als wäre ich nur noch zwei, drei Stressssituationen davon entfernt, Nachtfalter zu sammeln. Durchaus möglich. Für mich ist diese Beklopptheit in homöopathischen Dosen aber eigentlich das Gegenteil von nervlicher Abgespanntheit. Eine tägliche Selbsttherapie. Wo darf Otto Normalmichel denn heute noch irre sein? Verboten, normiert, getrackt wie das Leben so ist, bleiben nur noch die kleinen Kapriolen. Einfach mal dem “Andere Käufer kauften auch” den Mittelfinger zeigen.

Füße abtreten als passiver Widerstand gegen gleichgeschaltete Lebensentwürfe? “Der Laux hat sie wirklich nicht mehr alle!” Mag sein. Aber ich glaub dran.

Punkt.

Es gibt eine schöne Tradition in München. Sie heißt – Sommer.

Sommer gibt es viele. Andere Städte haben sich auch einen zugelegt. Aber das sind rein vergebliche Versuche, das Original zu kopieren. Das Oktoberfest feiert sich auch am saftigsten auf der Theresienwiese. Nicht auf dem Alexanderplatz. Wenn allüberall Stadtentwickler Sand verschütten und Strandfeeling kommandieren, da reicht dem Münchner München.

Der Münchner Sommer ist warm. Er leuchtet grün und blendet viel. Bei Tage ist er “nackert”, abends trägt er High Heels. Er glitzert und er rauscht. Er hat fettige Finger und verliert ständig seine Pfandmarken. Er ist da. Ich muss nicht rausfahren und ihn besuchen. Ich treffe ihn abends auf dem Heimweg. Wir setzen uns dann an die Isar und teilen uns ein Bier. Danach verabreden wir uns fürs Wochenende.

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Der Münchner Sommer ist anders als andere. Er ist kein Ereignis. Er ist nicht die reiche Tante, die zu Besuch kommt, die man hofiert, die um Himmels Willen nicht einschnappen darf. Der Münchner Sommer ist der Freund, der mit dir wortlos durch die Stadt schlendert. Der dir verzeiht, wenn du ihn mal sitzen lässt und DVDs guckst im August. Am nächsten Tag ist er wieder da.

Der Sommer in München hat eine Nebenwirkung: Er macht abhängig. Wie alle Süchte, nimmt auch die groteske Züge an. Mein Freund Michael zum Beispiel: Er wohnt nicht in München. Er arbeitet nicht in München. Aber er hat eine Wohnung in München. In bester Lage nahe dem Englischen Garten. Reichlich Quadratmeter, die die meiste Zeit leerstehen. Tapezieren könnte er den Unterschlupf mit abertausend Bahntickets, die ihn seine München-Manie gekostet hat. Michael kommt nicht los.

Am letzten Wochenende war Michael wieder da. Anders als ein Eh-da-Münchner muss Michael seine knappe Teilzeit auf möglichst viel München verteilen. Das erfordert knallhartes Zeitmanagement. Anders als ein Eh-da-Münchner schickt mir Michael am Freitagabend eine E-Mail. Im Anhang: “Wochendprogramm.doc”.

München macht aus Michael wieder ein Kind. Eins, das sich absurd freut. Eins, das zwei Liter Cola intus hat. Ohne Michael darf ich mich an den Eisbach im Englischen Garten legen. Mit Michael muss ich reinspringen. “Los, komm! Das wollte ich schon immer mal machen!”

Wir reden hier nicht vom Fallschirmspringen oder davon, einen LKW mit den Zähnen zu ziehen. Aber der Eisbach hat Kraft. Auf den Beinen bleibt keiner, der sich reinstellt. Dann treibt man zehn Minuten. Da gibt es Schnellen, Untiefen und am Ende eine letzte Leiter, die man besser erwischen sollte. Für junge Menschen ist Eisbach-Treiben Spaß, für sonst einfach nur am Ufer Rumlieger halb verrückt.

Schneller als ich “Mach ich ihm eben die Freude” denken kann, steht Michael nur noch in Badehose vor mir und grinst erwartungsfroh. Wir lassen noch eben den Kerl auf dem aufblasbaren Krokodil mit dem Bier in der Hand an uns vorbeitreiben – und springen.

Ja, man kann auch beim Schwimmen eine schlechte Figur machen. Indem man “Mein Kreislauf! Mein Kreislauf!” ruft zum Beispiel. Oder sich an einer Mauer festkrallt und die Beine nicht aus dem Wasser kriegt, während eine Gruppe Bikini-Mädchen grazil wie in einem 40er-Jahre-Plansch-Film vorbeigleitet.

Blöd war’s. Aber schön blöd. Als Michael und ich prustend, nass und verschrammt an der Ausstiegsstelle stehen, schauen wir beide an uns herab, zählen die Finger durch, alles noch dran. Ich schaue zu Michael, dessen Gesicht schaltet von Adrenalin auf Lächeln: “Noch mal!”

Der Münchner Sommer ist auch unersättlich.

Margot Käßmann und ich haben viel gemeinsam. Naja, ich habe keine Ahnung, ob das so ist. Aber könnte doch sein. Vielleicht fährt sie auch viel lieber Straßenbahn als Bus. Mag sein, auch sie ist Fan von Arminia Bielefeld. War auch ihr erstes Haustier ein Meerschweinchen? Könnte sein.

Wo wir allerdings nie auf einen gemeinsamen Nenner kommen werden, die ehemalige Ratsvorsitzende der EKD und ich, das ist die Weltanschauung. “Die Kirche ist keine Produktionsanstalt für Normen”, hat sie dem “Spiegel” gesagt. “Was für’n Quatsch!”, entrüste ich mich, als ich das lese. Meine Straßenbahnplatznachbarin guckt ein wenig irritiert. Es sind noch zwei Stationen, bis ich aussteigen muss, also lese ich weiter, und da hat sie mich dann wieder, die Margot: “Ich finde, Männer können sich auch mal untereinander zusammensetzen, um in Ruhe zu reden.” Sie meint das letzte Abendmahl. Ich meine: So isset.

Männer müssen auch mal für sich sein. Nicht immer. Viel spannender ist Zusammensein zusammen mit Frauen. Aber ohne Frauen, da lässt es sich leichter sich fallen lassen. Das ganze Plustern fällt nämlich weg. Das ist stereotyp, aber ganz und gar nicht unmodern. Meine Männergruppe trifft sich inzwischen virtuell.

Wenn ich an normalen Tagen mal eine Stunde nicht auf mein Handy gucke, dann habe ich meist drei dutzend WhatsApp-Nachrichten, die ich nacharbeiten muss. Georg hat Pesto eingemacht. Michael paukt für den Flugschein. Und der zweite Georg hat schon wieder Feierabend und sitzt auf seinem Balkon. Kurz nach halb fünf schickt er das Foto von einer halbvollen Bierflasche an die 13 Mitglieder unserer WhatsApp-Gruppe. Der zweite Georg arbeitet im öffentlichen Dienst.

Pesto und Pils sind nur ein kleiner Teil unseres tiefsinnigen Austauschs. Die meiste Zeit geht es um wirklich wichtige Dinge. Die deshalb nicht zitierfähig sind. Ich versuche es mal zu umschreiben: Wenn Bushido unsere Texte rappen würde, sein SUV machte im Nullkommanix Bekanntschaft mit Claudia Roth und einem Vorschlaghammer. Seit Prism der neue Aufschrei ist, stelle ich mir gerne den NSA-Mitarbeiter vor, der unsere Gespräche mitliest. Wie er da sitzt unter fahlem Neonlicht in seinem Keller in Bad Aibling.

Claudia Roth fragt sich in diesem Moment wahrscheinlich: Und das soll mit Frauen nicht gehen? Nein, das geht nicht. Für die gemischtgeschlechtliche Gefühligkeit hält das Internet zwar ebenfalls jede erdenkliche Spielart bereit. Aufspüren, Tollfinden, Balzen, Abturnen, Ranwanzen, Abknicken – alles so viel leichter mit der Mouse. Aber wenn man vier Wochen lang alles weggeliket hat, was die Angebetete auf Facebook so treibt, ihr bei Instagram ständig auf der Lauer lag, alle Kerle ergoogelt hat, mit der sie sich in der Zeit verband, und das digitale Gestalke trotzdem erfolglos bleibt, dann liegt der Brocken am Ende doch im analogen Magen. Dafür wurde das Internet wirklich nicht erfunden.

In WhatsApp-Männerrunden ist das anders, First und Second Life gehen eine heilige Symbiose ein. Neulich, wir folgten mal wieder göttlichem Beispiel (“Jesus hat an vielen Tischen gesessen, mit Frauen und Männern” – M. Käßmann), klingelten gleichzeitig die Handys der anwesenden Männer. Der zweite Georg war in der Küche und hatte vergessen zu fragen, was wir trinken wollen. Auf meinem Handy-Bildschirm erschien ein Foto vom Inneren seines gut gefüllten Kühlschranks. Darunter: “Entscheidet Euch, Männer!”